Das Licht auf dem fernen Hügel
Bibelstelle: Lukas 12,6-7 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Es gibt eine Stunde, spät in der Nacht, in der die ganze Welt zu schlafen scheint. Die Häuser sind dunkel, die Straßen still, und nur hier und da ist noch ein Kind wach. In dieser Stunde, und nur in dieser, kann es geschehen, dass jemand ans Fenster klopft. Jemand, der ein Wunder mitbringt, nur für dieses eine Kind.
Bei Nora war es an diesem Abend so weit.
Sie lag unter ihrer Decke und war noch gar nicht müde. Bruno schlief zusammengerollt an ihren Füßen. Nora dachte an den Tag, und da war etwas, das sie niemandem erzählt hatte, weil es sich zu klein anfühlte zum Erzählen: Heute hatte sie den ganzen Nachmittag draußen gespielt. Und als sie wieder hereinkam, hatte niemand gemerkt, dass sie überhaupt weg gewesen war.
Es war nichts Schlimmes passiert. Es war nur so ein leises Gefühl, ganz hinten im Bauch. Ungefähr so: Ob mich heute jemand vermisst hat?
Bruno hob den Kopf.
Er schaute zum Fenster, ganz starr, so wie Tiere schauen, wenn sie etwas hören, das noch gar nicht da ist. Nora setzte sich auf.
Und dann hörte sie es auch. Ganz leise, an der Fensterscheibe. Tipp. Tipp. Tipp. So sanft wie kleine Seifenblasen, die gegen das Glas tupfen.
Am Fenster war ein Schimmer. Erst dachte Nora, es wäre die Straßenlaterne. Aber dieses Licht war anders. Es war warm und golden, und es bewegte sich ganz leicht, als würde es atmen.
"Ist da jemand?", flüsterte Nora.
Das Licht wurde heller. Und dann, ganz langsam, bekam es eine Form. Zuerst zwei sanfte Augen. Und dann, mit einem Mal, saß da auf der Fensterbank ein kleines Lämmchen, mit Wolle, die leuchtete wie eine Kerze von innen.
"Hab keine Angst", sagte das Lämmchen. Seine Stimme war so leise und so warm, dass Nora sich gleich ein bisschen mutiger fühlte. "Ich bin Lumi." Und dann leuchtete seine Wolle auf einmal ein bisschen heller, ganz von selbst, als würde sich jemand freuen und könnte es nicht verbergen. "Ich komme in dieser einen Stunde manchmal zu Kindern, die noch wach sind."
Nora zog die Decke ein Stück höher. "Warum zu mir?"
Lumi antwortete nicht sofort. Sie schaute Nora an, und in ihrem Blick war etwas, das Nora nicht einordnen konnte, so als würde jemand ein sehr altes Bild anschauen. "Weil du wach warst", sagte Lumi schließlich. "Und weil man an einem Abend wie deinem nicht allein sein sollte." Dann, schneller: "Möchtest du etwas sehen, das nur ganz wenige je gesehen haben?"
Nora überlegte einen Moment. Dann nickte sie.
Da drehte sich Lumi zur Fensterscheibe und legte ganz sanft ihre kleine, leuchtende Stirn dagegen. Sie tat es sehr behutsam, so wie man etwas tut, das einem selbst einmal jemand getan hat. Und dort, wo sie das Glas berührte, geschah etwas. Das kalte, dunkle Fenster begann zu leuchten. Ein warmer, goldener Schein breitete sich aus, ganz langsam, so wie morgens die Sonne aufgeht. Er wanderte über die ganze Scheibe, bis kein Glas mehr da war. Wo eben noch das Fenster gewesen war, war jetzt ein Tor aus weichem, goldenem Licht.
Und hinter dem Tor war nicht die Straße. Hinter dem Tor lag ein weites Land.
"Wie hast du das gemacht?", flüsterte Nora.
"Das ist das Einzige, was ich richtig gut kann", sagte Lumi. "Außer mir kann es niemand. Nicht ein einziger in Elim." Sie sagte es ohne Stolz, so wie man sagt, welche Farbe man hat.
"Komm", sagte Lumi. "Steig einfach auf die Fensterbank und geh hindurch."
Nora kletterte aus dem Bett. Bruno war mit einem Sprung neben ihr, noch bevor sie einen Fuß auf den Teppich gesetzt hatte. Sie stieg auf die Fensterbank, holte einmal tief Luft und trat durch das warme Licht. Es fühlte sich an wie die Sonne an einem Sommertag.
Und dann stand sie im Gras.
Es war Nacht, aber keine dunkle Nacht. Über ihr war ein Himmel in der Farbe von Honig, und so weit sie schauen konnte, leuchteten überall kleine Lichter. Im Gras, an den Hügeln, am Ufer eines stillen Flusses. Bruno lief ein Stückchen hinein, blieb stehen, schaute sich um und kam dann zurück und stellte sich neben Nora, ganz nah, als wollte er sagen: Ich bin dabei.
"Wo sind wir?", flüsterte Nora.
"Das ist Elim", sagte Lumi. "Das Land, in dem nichts Gutes verloren geht." Ihr Blick wanderte dabei über die Wiese, hin und her, hin und her, und ihre Lippen bewegten sich ganz leicht. Nora merkte es und wusste nicht, was es war. Lumi zählte. Sie zählte die Lichter, so wie sie es jeden Abend tat, seit sehr langer Zeit, und sie hätte niemandem erklären können, warum.
Dann verlor sie den Faden, seufzte leise und fing wieder von vorne an.
Nora bückte sich zu einem der Lichter im Gras. Es war warm und glatt wie ein kleiner Stein.
"Jedes Licht hier war einmal etwas Gutes", sagte Lumi. "Ein liebes Wort. Ein bisschen Mut, als jemand Angst hatte. So etwas geht nie verloren. Es kommt nach Elim und wartet hier, bis es wieder gebraucht wird."
"Auch, wenn es niemand gesehen hat?", fragte Nora.
Lumi schaute sie an. "Gerade dann."
Ganz weit weg, auf dem höchsten Hügel, brannte ein Licht, das viel größer und wärmer war als alle anderen. Es zitterte nicht im Wind. Nora wusste sofort, dass dieses Licht niemals ausging.
"Und das dort?", fragte sie leise.
"Das ist das Erste Licht", sagte Lumi. "Von dort kommt alles Warme hier. Von dort komme auch ich." Sie machte eine kleine Pause. "Es kennt jedes Licht auf dieser Wiese. Und es weiß von jedem, wo es ist. Auch von dem, das gerade nicht da ist."
Nora sah hinauf zu dem fernen, ruhigen Licht. Und auf einmal war das Gefühl von heute Nachmittag wieder da, das mit dem Leisebleiben, aber es fühlte sich anders an. Es war, als würde jemand sie ansehen, der sie noch nie aus den Augen gelassen hatte. Nicht heute Nachmittag und auch sonst nie.
Lumi schaute an Nora hinunter, auf ihre Füße. "Darf ich dich etwas fragen?", sagte sie. "Warum habt ihr Hausschuhe? Der Boden ist doch schon da."
Nora musste lachen. "Damit die Füße warm bleiben."
"Aha", sagte Lumi und nickte ernst, so wie man nickt, wenn man etwas überhaupt nicht verstanden hat.
Dann hob sie ein kleines Licht aus dem Gras und legte es behutsam in Noras Hand. "Das gehört jetzt dir. Halt es gut fest. Morgen zeige ich dir, wie wir damit einem kleinen Freund helfen können, der sich heute ein bisschen allein fühlt."
Und dann wurde alles warm und golden. Nora schlief ein, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen, und das kleine Licht leuchtete sanft in ihrer Hand, die ganze Nacht hindurch.
Der Zuspruch zum EinschlafenDu bist heute gesehen worden, Nora. Den ganzen Tag lang, auch als du dachtest, es merkt niemand. Bleib noch einen Moment liegen und spür, wie warm das ist.
Im Original: "Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen ... ihr seid kostbarer als viele Sperlinge." (Lukas 12,6-7)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

