
Nim, das Licht, das sich allein fühlte
Bibelstelle: Sprüche 17,17 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Nora lag unter ihrer Decke, hellwach, und hielt ihr kleines Licht fest. Sie hatte den ganzen Tag darauf aufgepasst. In der Schule hatte sie zweimal in die Tasche geschaut, ob es noch da war, und beide Male war es noch da gewesen, und beide Male hatte ihr Herz einen kleinen Sprung gemacht.
Bruno hob den Kopf und schaute zum Fenster.
Tipp. Tipp. Tipp.
Nora war schon aufgesetzt, bevor der dritte Ton verklungen war. Das Zimmer wurde langsam hell und golden, und auf der Fensterbank saß Lumi, die Wolle warm wie eine kleine Kerze.
"Du hast gut auf dein Licht aufgepasst", sagte das Lämmchen und freute sich. "Heute brauchen wir es."
Sie legte die Stirn ans Glas, das Fenster wurde weich und golden wie flüssiger Honig, und Nora trat hindurch ins warme Gras. Bruno kam hinter ihr durch.
Aber heute war etwas anders. Ganz am Rand der Wiese, ein Stück abseits von all den fröhlichen Lichtern, saß ein einziges kleines Licht ganz für sich. Es leuchtete nur noch ganz blass, fast grau.
Nora schaute zuerst woanders hin. Sie hätte gern die anderen angesehen, die tanzenden, die hellen, die schönen, denn dorthin schaut man nun mal lieber. Aber ihr Blick ging immer wieder zurück zu dem blassen am Rand, und irgendwann half das Weggucken nicht mehr.
"Das ist Nim", sagte Lumi leise. Und während sie es sagte, wurde ihre eigene Wolle matter. Sie merkte es selbst nicht. "Nim ist heute Morgen aufgewacht und hat sich gefragt, ob ihn überhaupt jemand vermisst. Und wenn ein Licht das denkt, wird es immer blasser."
"Warum bist du nicht zu ihm gegangen?", fragte Nora.
"Weil ich das nicht kann", sagte Lumi. "Ich kann keinen wieder hell machen. Ich kann nur wissen, wer es braucht, und dann jemanden holen." Sie schaute Nora an. "Heute hab ich dich geholt."
Bruno war schon losgegangen. Er hatte niemanden gefragt. Er ging quer über die Wiese, an den fröhlichen Lichtern vorbei, legte sich neben Nim ins Gras und blieb dort liegen.
Nora ging langsam hinterher und setzte sich dazu. "Hallo Nim", sagte sie. "Ich bin Nora. Ich habe dich gleich gesehen, ganz von Weitem."
Nim wurde ein kleines bisschen heller. "Wirklich?" Dann wurde er wieder blasser. "Die anderen sind so weit weg. Ich glaube, ich gehöre nicht richtig dazu."
"Aber du wohnst doch hier."
"Schon." Nim schwieg eine Weile. "Weißt du, manchmal sagt einer was zu dir. Etwas Schönes. Und dann, später, stimmt es doch nicht mehr." Er sagte es leichthin, so wie man etwas sagt, das man tausendmal gedacht und noch nie ausgesprochen hat. "Und dann weiß man nicht mehr, was stimmt."
Nora wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Also antwortete sie nicht. Sie öffnete stattdessen ihre Hand und zeigte Nim ihr eigenes kleines Licht. "Guck mal. Du leuchtest genauso wie meins. Ich glaube, du hast es nur ein bisschen vergessen. Magst du, dass ich ein Weilchen hierbleibe?"
Nim sagte nichts. Aber er rückte ganz nah an Nora heran.
Und Nora erzählte ihm von Bruno und von dem Weg durch das Licht, und Nim hörte zu, und während er zuhörte, wurde er heller und heller, bis er warm und golden strahlte und vor Freude einen winzigen Hüpfer machte. Sofort danach schaute er sich um, ob es jemand gesehen hatte, und tat, als wäre nichts gewesen.
Und irgendwann fing Lumi an zu singen. Es war ein kleines Lied ohne richtige Melodie, und ehrlich gesagt klang es scheußlich. Nim schaute Nora an, Nora schaute Nim an, und keiner von beiden sagte etwas, weil Lumi dabei so glücklich aussah.
"Du hast gar nichts Großes getan", sagte Lumi, als sie fertig war. "Du bist einfach geblieben. Manchmal ist das das Schönste, was ein Mensch tun kann."
Sie sagte es so, dass Nora kurz aufschaute. Es hatte geklungen, als wüsste Lumi das nicht aus dem Zuschauen.
Als es Zeit wurde zu gehen, hüpfte Nim noch immer im Kreis. "Kommst du morgen wieder?", rief er. Und dann, schnell hinterher: "Musst du nicht. Ist nur, falls du sowieso."
"Ich komme wieder", sagte Nora.
"Ganz bestimmt", sagte Lumi. "Und morgen zeige ich dir ein Geheimnis vom Ersten Licht, Nora. Etwas, das nur ganz wenige Kinder wissen."
Und dann wurde alles warm und golden. Nora schlief ein, Bruno an ihren Füßen, das kleine Licht fest in ihrer Hand, und weit weg in Elim leuchtete ein kleines Licht namens Nim wieder hell.
Der Zuspruch zum EinschlafenDu hast heute nichts Großes gemacht und trotzdem alles richtig. So einfach ist das manchmal. Und morgen, wenn dir jemand einfällt, der auch ein bisschen blass geworden ist, dann weißt du ja jetzt, was hilft. Jetzt mach die Augen zu und bleib noch ein bisschen in dem Gefühl von eben.
Im Original: "Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren." (Sprüche 17,17)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart