
Das Geheimnis vom Ersten Licht
Bibelstelle: Psalm 145,18 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Nora lag wach und wartete schon ein bisschen. Ein Geheimnis, das nur ganz wenige Kinder wissen. Sie hatte den ganzen Tag versucht, sich vorzustellen, was das sein könnte, und war zu keinem Ergebnis gekommen außer zu dem Gefühl, dass es womöglich etwas war, das man können musste. Und was, wenn sie es nicht konnte?
Bruno hob den Kopf.
Tipp. Tipp. Tipp.
Das Zimmer wurde golden, und Lumi saß auf der Fensterbank, und neben ihr tanzte ein winziges, fröhliches Licht in der Luft.
"Nim wollte unbedingt mit", sagte Lumi. "Er hat seit heute früh dreimal gefragt, ob es auch wirklich in Ordnung ist."
"Zweimal", sagte Nim würdevoll.
Das Tor öffnete sich, warm und golden, und Nora trat hindurch, und Bruno kam mit.
Heute führte Lumi sie nicht zu den vielen Lichtern am Fluss. Sie gingen ein Stück den Hügel hinauf, dorthin, wo man das große, ruhige Licht besonders gut sehen konnte, und setzten sich ins Gras.
"Nora", sagte Lumi, "ich möchte dir heute das Geheimnis vom Ersten Licht verraten. Es ist nicht nur schön anzusehen. Es kann dich auch hören. Sogar von ganz weit weg."
Nora machte große Augen. "Mich? Aber es ist doch so weit oben."
"Versuch es einfach."
Und da war es wieder, das Gefühl von heute Nachmittag. Nora rutschte im Gras hin und her. "Und wenn ich es falsch mache?"
Lumi drehte den Kopf zu ihr. "Falsch", wiederholte sie, und für einen Moment klang ihre Stimme gar nicht mehr weich. "Nora. Es gibt kein Falsch. Es hat noch nie ein Falsch gegeben." Dann merkte sie selbst, dass sie zu laut geworden war, und wurde ganz schnell wieder leise. "Entschuldige. Du musst nicht laut sein. Sag ihm einfach, was in deinem Herzen ist. Es hört auch das Allerleiseste."
"Du kannst das", sagte Lumi. Nur diese drei Wörter, aber sie sagte sie so, wie man etwas sagt, an dem man selbst nicht den kleinsten Zweifel hat.
Und das Merkwürdige war: Nora glaubte es sofort.
Sie schaute hinauf zu dem warmen, ruhigen Licht. Dann faltete sie die Hände, ganz von allein, und flüsterte: "Danke, dass es Elim gibt. Und danke, dass Nim heute nicht mehr allein ist."
Einen Augenblick lang war es still. Und dann geschah etwas. Ein warmer Hauch strich über die Wiese, sanft wie eine Hand, die einem über das Haar streicht. Das große Licht auf dem Hügel leuchtete einen Wimpernschlag lang heller. Und tief in Nora drin wurde es ganz ruhig, so als hätte jemand leise geantwortet: Ich habe dich gehört.
"Es hat mich gehört", flüsterte Nora. "Wirklich."
"Immer", sagte Lumi. "Am Tag, in der Nacht, wenn du fröhlich bist und wenn du traurig bist. Und weißt du, was das Beste ist? Es ist ihm gleich, wie es klingt. Er hört nicht auf die Wörter. Er hört auf dich."
Nim kuschelte sich an Noras Arm. "Ich hab auch was gesagt", flüsterte er. "Ich hab Danke gesagt, dass ich jetzt eine Freundin habe." Er zögerte. "Meinst du, das war zu wenig?"
"Nim", sagte Lumi, "das war das ganze Gebet."
"Und wenn er nicht antwortet?", fragte Nim.
Lumi schwieg einen Moment. "Das habe ich mich auch schon gefragt", sagte sie dann. "Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er zuhört. Das ist nicht dasselbe, und es ist trotzdem viel."
Sie blieben noch eine Weile sitzen und schauten hinauf, und keiner sagte etwas, und es war trotzdem nicht still, sondern voll. Bruno lag im warmen Gras und atmete langsam, und Nora merkte, dass sie genauso langsam atmete wie er.
"Lumi", fragte sie irgendwann. "Muss ich dafür eigentlich die Augen zumachen? Und die Hände so?"
"Nein", sagte Lumi. "Du kannst dabei auch Steine ins Wasser werfen. Manche reden mit ihm beim Zähneputzen." Sie legte den Kopf schief. "Ich mache es meistens im Gehen. Ich kann schlecht stillhalten, wenn es um mich selbst geht."
Als es Zeit wurde, stand Lumi auf. "Morgen treffen wir jemanden, der noch ganz allein ist und ein Zuhause sucht. Du wirst genau wissen, was zu tun ist."
Und dann wurde alles warm und golden, und Nora schlief ein, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen. In ihrem Herzen war noch ganz leise das Gefühl, gehört worden zu sein.
Der Zuspruch zum EinschlafenDu kannst das schon, Nora. Du konntest es von Anfang an, du hast es nur noch nicht gewusst. Und wenn du magst, sag ihm jetzt noch etwas. Ganz leise, es hört auch das Allerleiseste, und es ist ihm gleich, wie es klingt. Und dann atme noch einmal tief in den Bauch. Und noch einmal. Merkst du was?
Im Original: "Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen." (Psalm 145,18)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart