Und hinter dem Tor war nicht die Straße. Hinter dem Tor lag ein weites Land.
„Wie hast du das gemacht?“, flüsterte Nora.
„Das ist das Einzige, was ich richtig gut kann“, sagte Lumi. „Außer mir kann es niemand. Nicht ein einziger in Elim.“ Sie sagte es ohne Stolz, so wie man sagt, welche Farbe man hat.
„Komm“, sagte Lumi. „Steig einfach auf die Fensterbank und geh hindurch.“
Nora kletterte aus dem Bett. Bruno war mit einem Sprung neben ihr, noch bevor sie einen Fuß auf den Teppich gesetzt hatte. Sie stieg auf die Fensterbank, holte einmal tief Luft und trat durch das warme Licht. Es fühlte sich an wie die Sonne an einem Sommertag.
Und dann stand sie im Gras.
Es war Nacht, aber keine dunkle Nacht. Über ihr war ein Himmel in der Farbe von Honig, und so weit sie schauen konnte, leuchteten überall kleine Lichter. Im Gras, an den Hügeln, am Ufer eines stillen Flusses. Bruno lief ein Stückchen hinein, blieb stehen, schaute sich um und kam dann zurück und stellte sich neben Nora, ganz nah, als wollte er sagen: Ich bin dabei.
„Wo sind wir?“, flüsterte Nora.
„Das ist Elim“, sagte Lumi. „Das Land, in dem nichts Gutes verloren geht.“ Ihr Blick wanderte dabei über die Wiese, hin und her, hin und her, und ihre Lippen bewegten sich ganz leicht. Nora merkte es und wusste nicht, was es war. Lumi zählte. Sie zählte die Lichter, so wie sie es jeden Abend tat, seit sehr langer Zeit, und sie hätte niemandem erklären können, warum.
Dann verlor sie den Faden, seufzte leise und fing wieder von vorne an.
Nora bückte sich zu einem der Lichter im Gras. Es war warm und glatt wie ein kleiner Stein.
„Jedes Licht hier war einmal etwas Gutes“, sagte Lumi. „Ein liebes Wort. Ein bisschen Mut, als jemand Angst hatte. So etwas geht nie verloren. Es kommt nach Elim und wartet hier, bis es wieder gebraucht wird.“
„Auch, wenn es niemand gesehen hat?“, fragte Nora.
Lumi schaute sie an. „Gerade dann.“
Ganz weit weg, auf dem höchsten Hügel, brannte ein Licht, das viel größer und wärmer war als alle anderen. Es zitterte nicht im Wind. Nora wusste sofort, dass dieses Licht niemals ausging.
„Und das dort?“, fragte sie leise.
„Das ist das Erste Licht“, sagte Lumi. „Von dort kommt alles Warme hier. Von dort komme auch ich.“ Sie machte eine kleine Pause. „Es kennt jedes Licht auf dieser Wiese. Und es weiß von jedem, wo es ist. Auch von dem, das gerade nicht da ist.“
Nora sah hinauf zu dem fernen, ruhigen Licht. Und auf einmal war das Gefühl von heute Nachmittag wieder da, das mit dem Leisebleiben, aber es fühlte sich anders an. Es war, als würde jemand sie ansehen, der sie noch nie aus den Augen gelassen hatte. Nicht heute Nachmittag und auch sonst nie.
Lumi schaute an Nora hinunter, auf ihre Füße. „Darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie. „Warum habt ihr Hausschuhe? Der Boden ist doch schon da.“
Nora musste lachen. „Damit die Füße warm bleiben.“
„Aha“, sagte Lumi und nickte ernst, so wie man nickt, wenn man etwas überhaupt nicht verstanden hat.
Dann hob sie ein kleines Licht aus dem Gras und legte es behutsam in die Hand von Nora. „Das gehört jetzt dir. Halt es gut fest. Morgen zeige ich dir, wie wir damit einem kleinen Freund helfen können, der sich heute ein bisschen allein fühlt.“
Und dann wurde alles warm und golden. Nora schlief ein, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen, und das kleine Licht leuchtete sanft in ihrer Hand, die ganze Nacht hindurch.