
Ein Stück näher
Bibelstelle: Johannes 1,9 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Heute war Nora vor dem Klopfen wach.
Sie hatte sich das vorgenommen, und es war das erste Mal, dass es klappte. Sie lag ganz still, die Hände unter der Decke, das kleine Licht in der Faust, und schaute zum Fenster. Bruno hatte den Kopf schon gehoben. Sie schauten beide.
Und dann sah sie es kommen: erst ein Schimmer draußen, ganz schwach, dann heller. Nora flüsterte "Ich hab dich schon gesehen", noch bevor der erste Ton kam.
Tipp. Tipp. Tipp.
Auf der Fensterbank saß Lumi und lachte. "Du hast gewartet."
"Ich wollte mal die Erste sein."
"Das", sagte Lumi, "ist noch nie einem Kind gelungen." Sie sagte es so, dass Nora merkte: Das war jetzt kein Kompliment aus Höflichkeit.
Das Fenster wurde golden, und Nora trat hindurch, und das Licht von Elim kam ihr heller entgegen als sonst, fast als hätte es auf sie gewartet. Nim war sofort bei ihr.
"Bist du bereit?", fragte Lumi leise. "Heute steigen wir den großen Hügel hinauf."
Sie gingen den langen, sanften Hügel hinauf, immer weiter nach oben. Mit jedem Schritt wurde die Luft wärmer und stiller und schöner. Die kleinen Lichter am Wegrand leuchteten heller, je höher sie kamen. Und über allem, immer näher jetzt, leuchtete das große, ruhige Erste Licht.
Nora merkte unterwegs etwas: Lumi wurde immer langsamer. Sie blieb nicht stehen, aber sie ging anders, so wie man geht, wenn man an einem Ort ist, an dem einmal etwas Wichtiges passiert ist.
Und noch etwas merkte Nora. Bruno war nicht mehr neben ihr. Er war zurückgefallen und ging jetzt neben Lumi, ganz dicht, Schulter an Wolle. Er hatte niemanden gefragt. Er hatte es einfach gemerkt.
Sie kamen nicht ganz nach oben. Aber sie kamen näher als je zuvor. Und Nora spürte das Licht jetzt nicht nur mit den Augen. Sie spürte es auf der Haut, warm wie die Sonne. Sie spürte es im Bauch, ruhig und sicher. Es war, als würde sie jemand in den Arm nehmen, ganz ohne Hände.
Nora setzte sich ins warme Gras und schaute hinauf. "Lumi", fragte sie leise, "wer ist das? Wer ist das Erste Licht wirklich?"
Lumi setzte sich ganz nah zu ihr. Eine Weile sagte sie nichts. Dann sprach sie leiser und wärmer als je zuvor.
"Das Erste Licht ist nicht nur weit oben auf dem Hügel, Nora. Das ist das größte Geheimnis von Elim. Vor langer, langer Zeit ist es selbst den ganzen Weg heruntergekommen. Ganz nach unten, bis ins Gras, klein und nah, so klein wie eins von uns. Es wollte nicht nur von oben leuchten. Es wollte ganz nah bei uns sein. Damit nie wieder ein einziges Licht denken muss, dass es allein ist."
"Es war hier unten? Bei uns?"
"Ja", sagte Lumi. "Und auf eine Weise ist es das immer noch." Sie schwieg. "Es sucht auch. Wenn eines fehlt, dann sucht es. Es hört nicht auf. Es fragt hinterher auch nicht, warum das eine weg war." Ihre Stimme war jetzt sehr leise. "Es kennt dich, Nora. Es kennt deinen Namen. Es hat dich gekannt, lange bevor du das erste Mal mein Klopfen gehört hast."
"Und warum bist du es, die klopft?", fragte Nora. "Warum nicht ein anderes Lämmchen?"
Lumi schaute lange den Hügel hinauf. "Das habe ich mich auch schon gefragt", sagte sie. "Jede einzelne Nacht, ehrlich gesagt. Ich weiß es bis heute nicht."
Nora schaute Lumi von der Seite an. Sie hätte gern noch mehr gefragt. Aber sie fragte nicht, weil sie merkte, dass jetzt nicht der richtige Moment dafür war.
Stattdessen legte sie die Hände zusammen und flüsterte ganz leise nach oben: "Danke, dass du heruntergekommen bist. Danke, dass du mich kennst."
Und der warme Hauch kam wieder über den Hügel, sanft und sicher, und legte sich um sie wie eine Decke.
Lumi wollte gerade aufstehen, da hielt sie mitten in der Bewegung inne. Oben auf dem Hügel, beim großen, ruhigen Licht, geschah etwas. Ganz langsam löste sich ein einziger warmer Funke vom Ersten Licht. Er schwebte den Hügel herab, leise und stetig, genau auf Nora zu.
Lumi wurde ganz still. So staunend hatte Nora das Lämmchen noch nie gesehen.
"Das hat das Erste Licht noch nie getan", flüsterte Lumi. "In all der langen Zeit nicht. Es schickt dir etwas entgegen, Nora."
Und dabei leuchtete ihre Wolle so hell, wie Nora sie noch nie gesehen hatte. Dabei war der Funke gar nicht für sie. Sie war schon unzählige Nächte hier heraufgestiegen, und ihr war noch nie einer entgegengekommen. Sie freute sich trotzdem, und zwar so sehr, dass man es sehen konnte.
Nora konnte den Blick nicht abwenden. Der Funke kam warm und golden den weiten Hügel herab, nur für sie. Aber der Weg war lang, so lang, dass er die ganze Nacht unterwegs sein würde. Erst wenn Nora das nächste Mal durch das Tor käme, würde er bei ihr sein.
In Noras Bauch kribbelte die Vorfreude wie an einem Morgen, von dem man schon weiß, dass etwas Wunderschönes wartet. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr gegangen. Aber Lumi legte ihr sanft die weiche Stirn an die Wange. "Schlaf jetzt", flüsterte sie. "Und träum schön."
Und dann wurde alles warm und golden, und Nora schlief ein, sicher und geliebt, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen und ihr kleines Licht fest in der Hand. Und tief in ihr leuchtete, hell und ungeduldig, ein einziger Gedanke bis in den Morgen hinein: Morgen kommt es zu mir.
Der Zuspruch zum EinschlafenEs ist schon etwas zu dir unterwegs, Nora. Es war unterwegs, bevor du etwas dafür getan hast. Und jetzt zähl noch drei Atemzüge. Beim dritten bist du schon fast eingeschlafen.
Im Original: "Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen." (Johannes 1,9)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart