
Ein Platz für das kleine fremde Licht
Bibelstelle: Römer 15,7 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Nora hielt ihr Licht in der Hand und wartete auf das Klopfen. Sie freute sich auf Elim, auf Nim, auf das warme Gras. Sie hoffte, es würde heute einfach nur schön sein. Manchmal wollte man ja nichts erleben, sondern nur da sein, wo es schön war.
Bruno hob den Kopf.
Tipp. Tipp. Tipp.
Da war Lumi. Das Fenster wurde golden, und Nora trat hindurch. Nim kam ihr entgegengehüpft und leuchtete vor Freude.
"Heute brauchen wir dich", sagte Lumi. "Komm mit zum Rand der Wiese."
Und Nora spürte, wie in ihr etwas seufzte. Schon wieder jemand, der Hilfe brauchte. Schon wieder der Rand. Sie schämte sich sofort für den Gedanken, aber der Gedanke war zuerst da gewesen, und sie konnte nichts dagegen tun.
Dort, wo das warme Gras in die Dunkelheit überging, saß ein winziges Licht. Es leuchtete nur ganz schüchtern und zog sich klein zusammen, als die anderen vorbeitanzten.
"Es ist erst heute nach Elim gekommen", flüsterte Lumi. "Es kennt noch niemanden hier und traut sich nicht zu den anderen. Es glaubt, dass kein Platz für es da ist."
"Woher weißt du das alles?"
"Ich schaue lange hin", sagte Lumi. "Das ist alles. Die anderen schauen weg, weil es unangenehm ist. Ich schaue eben hin." Sie sagte es ohne Vorwurf. Sie sagte überhaupt nie etwas mit Vorwurf, nicht einmal über die, die vorbeitanzten.
Nora kniete sich ins Gras. "Hallo. Möchtest du mitkommen? Da drüben sind alle ganz lieb."
Das kleine Licht zitterte. "Aber ich bin neu. Die anderen kennen sich doch alle schon."
"Ich war auch mal neu hier", sagte Nim und hüpfte näher. "Vorgestern erst. Zwei Tage und drei Stunden." Er sagte es genau, weil er es genau wusste, weil er es mitgezählt hatte. "Und jetzt habe ich eine Freundin. Komm, ich zeig dir alles."
Nora hielt dem kleinen Licht ihre offene Hand hin, ganz ruhig, ohne zu drängen. Eine Weile geschah nichts. Nora merkte, wie ihr Arm müde wurde, und dachte, gleich lasse ich ihn sinken, gleich, aber sie ließ ihn nicht sinken.
Bruno legte sich neben das kleine Licht ins Gras. Er schaute es nicht einmal an. Er lag einfach da, ganz ruhig, so wie er zuhause dalag, wenn Nora krank war und niemand etwas sagen konnte.
Und das kleine Licht schaute Bruno an. Es schaute ihn lange an. Dann, ganz vorsichtig, rollte es in Noras Hand, warm und scheu.
"Das war er", flüsterte Lumi. "Nicht du und nicht ich. Es hat gesehen, dass jemand einfach dableibt, ohne etwas zu wollen. Danach traut man sich."
Nora trug es behutsam zu den anderen. Und die anderen Lichter taten etwas Schönes. Sie rückten ganz von allein ein Stück zur Seite und machten einen Platz frei, mitten unter sich, gerade groß genug für ein kleines neues Licht. "Komm zu uns", riefen sie. "Hier ist dein Platz."
Da traute sich das kleine Licht. Es hüpfte in die Mitte, und im selben Augenblick wurde es heller und heller, bis es so fröhlich strahlte wie alle anderen.
"Hast du gesehen, wie einfach das war?", sagte Lumi leise. "Manchmal braucht jemand nur einen, der ihm die Hand hinhält. Und einen, der sie hinhält, bis es so weit ist."
"Na also", sagte Lumi zufrieden, und sie sagte es so, wie sie es immer sagte, wenn etwas gut ausgegangen war.
Nora schaute zu, wie das neue Licht mit den anderen über die Wiese tanzte, und in ihr wurde es warm, und ihr fiel wieder ein, dass sie eigentlich hatte faul sein wollen an diesem Abend. Es war komisch: Sie war jetzt viel weniger müde als vorhin.
"Lumi?", fragte sie. "Ist es schlimm, wenn man erst gar keine Lust hat zu helfen?"
Lumi schaute sie an, und sie brauchte länger als sonst für die Antwort. "Nein", sagte sie schließlich. "Es ist nur schlimm, wenn man dann nicht hilft. Was du fühlst, ist deine Sache. Was du tust, ist die von allen anderen." Sie schaute zur Wiese hinüber, wo das neue Licht jetzt tanzte. "Weißt du, ich hab auch schon mal gedacht, ich hätte keine Lust. Und ich bin trotzdem los. Und dann war es der schönste Abend seit langem."
"Komm", sagte sie dann, als es spät wurde. "Morgen wartet am silbernen Bach etwas Wichtiges. Zwei, die sich eigentlich lieb haben, brauchen deine Hilfe."
Und dann wurde alles warm und golden, und Nora schlief ein, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen, und sie träumte von vielen kleinen Lichtern, die zusammenrückten, damit noch eins dazupasste.
Der Zuspruch zum EinschlafenDu hast heute etwas getan, worauf du gar keine Lust hattest. Das ist schwerer als das, worauf man Lust hat, und es zählt doppelt. Vielleicht sitzt morgen bei euch irgendwo einer am Rand. Und jetzt leg die Hand auf dein Herz und bleib da, bis es ganz ruhig wird.
Im Original: "Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre." (Römer 15,7)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart