
Das Wunder tief im Wald von Elim
Bibelstelle: Jakobus 1,17 · Das Kind heißt hier Nora, ihr Hund Bruno.
Den ganzen Tag hatte Nora daran denken müssen: etwas, das noch nie ein Kind vor ihr gesehen hatte. Aber jetzt, wo es Abend war, lag sie unter der Decke und wurde immer stiller. Tief im Wald. Sie hatte noch nie gemocht, wenn Bäume nachts so nah beieinanderstehen.
Bruno hob den Kopf.
Nichts geschah.
Nora wartete. Bruno wartete auch, ganz starr, den Blick am Fenster. Und dann, viel später als sonst, kam es doch: Tipp. Tipp. Tipp. Aber es klang anders, kürzer, so als hätte jemand die letzten Meter gerannt.
Lumi saß auf der Fensterbank und war ein bisschen außer Atem. "Entschuldige", sagte sie. "Ich war noch woanders. Es hat länger gedauert, als ich dachte."
"Wo warst du denn?"
"Bei einem anderen Kind", sagte Lumi. Und dann, weil sie nicht lügen konnte und weil sie fand, dass Nora es wissen durfte: "Es wollte heute nicht, dass ich komme. Da bleibe ich immer ein bisschen länger."
"Und dann?"
"Dann sitze ich draußen auf der Fensterbank, bis es eingeschlafen ist." Lumi schüttelte ihre Wolle. "Irgendwann macht es auf. Sie machen alle irgendwann auf." Sie dachte kurz nach. "Es gab mal ein Kind, das hat drei Wochen unter dem Bett geschlafen. Ich hab drei Wochen unter dem Bett geklopft. Am Ende ging es auch."
Das Fenster wurde golden, und Nora trat hindurch, und heute roch das Gras nach Wald, nach Moos und nach etwas Süßem, das Nora nicht kannte.
"Heute gehen wir weit", sagte Lumi. "Bleib dicht bei mir. Ich kenne hier jeden Weg, auch die, die man nicht sieht."
"Alle?"
"Alle." Sie sagte es so ruhig, dass Nora keinen Grund fand, daran zu zweifeln. "Ich hab sie mir gemerkt. Jeden einzelnen."
Sie gingen über die Wiese, am silbernen Bach entlang und dann hinein in den Wald von Elim. Zwischen den hohen Bäumen war es still und feierlich. An den Zweigen hingen kleine Lichter wie Tautropfen und zeigten den Weg. Und Bruno, der sonst immer hinter Nora blieb, ging heute vor. Er ging genau eine Schrittlänge vorweg, den Weg entlang, und schaute alle paar Meter zurück, ob sie noch da war.
Je tiefer sie gingen, desto weniger Angst hatte Nora, und irgendwann hatte sie gar keine mehr, und sie hätte nicht sagen können, wann das aufgehört hatte.
Und dann teilten sich die Bäume, und Nora blieb stehen und hielt den Atem an.
Vor ihr lag eine runde Lichtung, und in der Mitte stand ein großer, alter Baum, so hoch, dass sie seine Krone kaum sehen konnte. Aber das war nicht das Wunder. Das Wunder war: Überall um den Baum herum stiegen, eines nach dem anderen, ganz neue kleine Lichter aus dem Boden auf. Sie lösten sich sanft vom Gras, schwebten nach oben und tanzten in die Nacht hinaus.
"Was ist das?", flüsterte Nora.
"Schau ganz genau hin", sagte Lumi. "Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt gerade jetzt ein Kind etwas Gutes tut, entsteht hier ein neues Licht. Wenn eins ein anderes tröstet. Wenn eins teilt. Wenn eins mutig ist, obwohl es schwer war."
Nora sah einem winzigen Licht nach, das gerade aufstieg und besonders hell leuchtete. "Und das?"
"Das war eben jemand, der zu seinem kleinen Bruder lieb war, ganz ohne dass es jemand gesehen hat", sagte Lumi leise. "Aber hier wird es gesehen. Hier geht nichts verloren."
Nora stand einfach da und schaute. Es waren so viele Lichter. So viel Gutes, überall auf der Welt, in genau diesem Moment. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so viel davon gab.
Und dann sah sie noch etwas. Alle diese neuen Lichter, wenn sie hoch genug gestiegen waren, schwebten in dieselbe Richtung. Hin zu dem großen, ruhigen Licht auf dem fernen Hügel. Als würden sie alle nach Hause kommen.
"Sie gehen zum Ersten Licht", sagte Nora.
"Ja", sagte Lumi sanft. "Alles Gute kommt von dort. Und alles Gute kehrt dorthin zurück." Sie schaute den Lichtern nach, bis das letzte verschwunden war. "Weißt du, was ich am liebsten an dieser Lichtung mag? Dass keines von denen sich selbst gemacht hat. Kein einziges. Sie sind alle geschenkt worden."
Nora legte ihr eigenes kleines Licht für einen Moment an die Wange. Es war warm.
"Komm", sagte Lumi, als die Lichtung langsam wieder still wurde. "Morgen gehen wir ein Stück näher zum Ersten Licht, als je ein Kind gegangen ist."
Und dann wurde alles warm und golden, und Nora schlief ein, Bruno zusammengerollt an ihren Füßen, und über ihr stiegen in ihren Träumen tausend kleine Lichter zum Hügel hinauf.
Der Zuspruch zum EinschlafenDu hattest heute Angst vor dem Wald und bist trotzdem hineingegangen. Angst ist kein Zeichen, dass etwas nicht geht. Sie ist nur ein Zeichen, dass es dir wichtig ist. Und jetzt nicht mehr weiterdenken. Nur noch fühlen, ein kleines Weilchen.
Im Original: "Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel von Licht und Finsternis." (Jakobus 1,17)
Bibeltext: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart